Aus dem Buch «Die Vier Edlen Wahrheiten»,
Eine Einführung in den Buddhismus
198 Seiten, hard cover, ISBN 978-3-033-00610-2

 

 

Nirvana und Leerheit


Wenn wir über Nirvana oder Freiheit sprechen, müssen wir eine Beziehung zum Leidhaften oder zu Samsara haben. Wenn wir wirklich Bescheid wissen über die Edlen Wahrheiten von Leid und dessen Entstehung, dann sind wir bereits auf den Pfad der Befreiung getreten. Ich denke, aus diesem Grund hat der Buddha nicht sehr viel über Nirvana gesprochen.

Der Weg nach oder des Nirvana führt durch den Kompost. Sich tief zu verneigen und mit den Händen die Erde zu berühren bedeutet, dass wir nun bereit sind, tief in die Scheisse zu greifen, bis wir wirklich begriffen haben und sie uns dadurch nicht mehr im Griff hat.

Konventionell ausgedrückt riecht Samsara nach Kompost und ist gleichzeitig etwas sehr Geschmackloses. Ist das nicht ein wunderbares Koan? Nirvana scheint nach Rosenblüten zu duften, ist aber letztlich auch geschmacklos, denn es riecht nach gar nichts. «Nir» bedeutet «ver» und «vana» heisst «wehen». Nirvana bedeutet also verweht. Wir können auch sagen: Kein Geschmack (no taste). Jene Dualität, die wertend diskriminiert, ist verduftet.

Verduftet sind die neurotischen Anhaftungen gegenüber dem Einen und die paranoiden Aversionen gegenüber dem Anderen. Nirvana übersetzen wir am besten mit «kein Wahn mehr». Mit Wahn meinen wir diese vibrierende, nervöse Dynamik, die wie ein Hungergeist durch die Welten heult, alles in Angst und Entsetzen erstarren lässt. Mit Wahn meinen wir aber auch diesen leisen Wind, der nie still sein kann und ständig irgendwelche seltsamen Geschichten flüstert: «Ich sollte heute unbedingt noch den Rasen mähen.» «Hoffentlich hat mein Hausmeister noch nicht gemerkt, dass ich arbeitslos bin.» «Ich habe einfach zu viele Haare an meinen Beinen.» «Ob man mir wohl schon ansieht, dass ich viel meditiere?» «Werde ich in diesem Leben einmal Sex mit zwei Menschen gleichzeitig haben?» …

… Weil Shunyata leer davon ist, dass sie etwas bestimmtes wäre, darfst Du ihr einen Namen geben und allmählich eine immer intimere Beziehung mit ihr eingehen. In dieser Beziehung fahren wir in den Himmel und in die Hölle und erfahren, was erfahren werden muss. Wir sollten nicht zu sehr Angst haben vor unseren Gedanken. Mit dem Revolver an der Schläfe und dem Zeigefinger am Abzug auf der Autobahnbrücke zu stehen, muss meiner Meinung nach nicht unbedingt verrückter sein, als täglich eine Krawatte anzuziehn und in einem Automobil zur «Arbeit» zu fahren, «Feierabend» zu geniessen oder «Dinge zu erledigen» um nachher «Zeit zu haben». Ich sage nicht, Suizid bringe Befreiung. Das weiss ich nicht. Ich glaube es nicht. Doch in der «letztendlichen Erkenntnis der Leerheit» geht es nicht um das, was ich hier sage oder jetzt glaube, sondern um das, was Dein eigenes Herz sagt, weiss und glaubt.